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Wie es in der Fotografie Grenzfälle gibt, wie zum Beispiel bei der Belichtung oder in der Schärfenebene usw., so gibt es auch „normale" Grenzfälle. Wissembourg, oder zu deutsch Weißenburg, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Grenzfall. Vielleicht deshalb für Fotoamateure so interessant?

 

„8:48 ab Mainz Hauptbahnhof"

- Mit dem „Elsass-Express" nach Wissembourg -

 

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen". Das alte Sprichwort hat in Bezug auf Wissembourg/Weißenburg (nicht zu verwechseln mit dem Weißenburg in Mittelfranken) volle Geltung! Unser Weißenburg/Wissembourg liegt ganz im Norden des Elsass. Gleich hinter oder, man kann schon sagen, auf der Grenze zwischen der Pfalz in der Bundesrepublik Deutschland und der Region Alsace in Frankreich.In deutschen Lexika findet Wissembourg nicht statt. Wenigstens nicht in denen, die ich besitze und in denen ich nachgeschaut habe, was es über diese schöne Stadt theoretisch zu berichten gäbe. Also: machen wir den Bericht praktisch! Auf jeden Fall zugeschnitten auf die Belange unseres Hobbys, der Amateurfotografie. Und in dieser Hinsicht sind die Möglichkeiten in Wissembourg mit einem Wort: Phantastisch!

Reinhold, weil guter Clubchef, hat mal wieder die organisatorischen Vorarbeiten für die Fahrt geleistet. Es war für ihn fast Routine, da es in der Vergangenheit schon mal gen Süden ging und Wissembourg das Ziel des Fotoclubs-Mainz gewesen ist. Nun muss gewiss kein guter Fotograf, wenn auch Amateur, um gute Motive zu finden, eine weite Reise tun, aber der Mensch ist ja nicht nur Fotograf. Es kommt dazu, dass, wenn man im „Verband" fährt und es nur so von Fotografen wimmelt, es sehr gemütlich wird. Es wird nicht nur „gefachsimpelt" sondern auch von anderem geredet. Keiner ist allein und trotzdem kann jeder in seiner Nische „Seins" tun. Noch mal, es ist einfach gemütlich.

Und das war es auch! Es fing schon auf dem Mainzer Bahnsteig an. Keiner hatte Eile. Die Uhren schienen etwas langsamer zu gehen. Wir trafen uns voller Erwartung, denn nicht alle waren bei der ersten Fahrt nach Wissembourg dabei gewesen. Der „Elsass-Express" startet in Mainz Hbf und hatte deshalb keine Verspätung. Pünktlich um 8:48 Uhr fuhr er ab. Kaum hatte sich der Zug vom Bahnsteig gelöst, konnten wir schon das „Büro" unseres Freundes Heiko bewundern.

Es wurde eine schöne Fahrt durch bekannte und unbekannte Gefilde. Stellen, an denen ich ein Leben lang vorbeikomme, die ich jedoch mit dem Zug noch nie erfahren hatte. So haben wir alle nebenbei noch ein wenig Eisenbahn-Romantik erleben können. Die modernen Züge fahren auffallend ruhiger als Züge, an die man denkt, wenn man „Romantik" hört. Aus dem Zug heraus zu fotografieren war nicht besonders verlockend. Das muss geübt werden. Jedes Mal, wenn das Motiv richtig war, war es auch schon wieder anders, oder Bäume huschten vor dem Objektiv vorbei.

Da die Zeit im Zug verhältnismäßig lange ist, könnte man sich darauf einstellen, dass der Weg das Ziel ist. – Ist es aber nicht. In Wissembourg angekommen, stellt sich heraus, dass sich die Fahrzeit gelohnt hat. Es hat uns zwar ausgesprochen typisches Aprilwetter auf der Fahrt begleitet und in Wissembourg empfangen, was uns unentwegte Hobbyfotografen aber überhaupt nicht entmutigen konnte, denn jeder weiß, nach Regen kommt Sonnenschein und im April dauert keine dieser Perioden lange! Alle hatten eh einen Regenschirm bzw. einen Anorak mit Kapuze dabei und waren so gegen den, alles in allem, doch wenigen Regen gefeit.

Nach dem obligatorischen Gruppenbild auf dem Bahnsteig in Wissembourg, hat sich schon das erste lustige Fotomotiv dargeboten. Die Piktogrammetrie ist vielleicht doch leichter als die Schrift. Auf dem Hinweisschild im Wissembourger Bahnhof wurde der Ausgang zum Austang. Wer kann denn bei so einer Gelegenheit widerstehen und den Fotoapparat in der Tasche lassen? Wenn aber einer außer oui nichts weiter von der französischen Sprache kennt und weiß, darf er eigentlich hier nichts sagen. Aber fotografieren!

Gleich am Anfang unserer „Begehung" von Wissembourg durfte ich erleben, dass die Wissembourger ein Herz für Fotografen haben. Denn als ich eine Häuserzeile im Visier hatte und noch nicht ganz mit dem Ausschnitt zufrieden war und noch ein wenig zur Seite rückte, nein, zur anderen Seite, noch ein wenig nach vorne usw. nagelte die ganze Zeit ein Dieselmotor links hinter mir und ich denke noch, dass der Fahrer wohl doch viel Zeit hat. Dann mein Schuss und ich schaue im Weitergehen nach hinten. Endlich konnte jetzt der Arme in die Parklücke einfahren, die ich die ganze Zeit, während des Einrichtens meiner Fotografie, versperrte. Ich hatte mir Zeit gelassen, denn ich dachte nicht an einen Autofahrer – wir waren ja alle Zugfahrer!

Vielleicht sind Elsässer auch ganz besonders freundliche Leute? – Ich werde sie fragen, wenn ich wieder zu ihnen komme. Das ist gewiss, denn alles habe ich noch nicht gesehen. Da die Sache jedoch sehr interessant ist, wird es sich lohnen, ein zweites Mal das Pflaster zu betreten. Vielleicht kann ich noch jemanden davon überzeugen und es gibt wieder eine Gruppenfahrt. Für die Blumenfotografen war das Wetter nicht das Richtige. Denn alles, was blühte, war sehr vom Wind gebeutelt und hin- und hergerissen. Sie brauchten schon ganz windgeschützte Stellen, an denen sie ihrer Leidenschaft frönen konnten. Dazu kann ich sagen, dass ich meine Nahlinse gar nicht erst ausgepackt habe. Ich habe es nicht für notwendig gefunden. So bin ich mit einem 100 mm Objektiv durch alle Situationen in Wissembourg gegangen. Ich hatte keine andere Wahl. Dafür brauchte ich mich nicht zu Tode zu tragen. Wer das erste Mal Wissembourg kennen lernte, war mit einem Fotoapparat mit Normalobjektiv schon gut bestückt. Da fast alle Mitfahrenden sicherlich Zoom-Objektive, die mindestens 35 – 70 mm hergaben, waren sie bestens versorgt. Damit sind große Gebäude aufzunehmen, wie auch der Portraitbereich abzudecken. Beim nächsten Besuch kann sich die Fotografin, oder der Fotograf schon vorher überlegen, was zum fotografieren mitzubringen ist. (Am besten nicht die ganze Ausrüstung, denn zum Schleppen geht doch niemand nach Wissembourg!) Im Übrigen ist es jedem überlassen, auf was er anpirschen will und was am meisten „anmacht". Ich meine: Vorlieben haben wir alle.

Die durch Wissembourg fließende Lauter verleiht dem Städtchen eine einzigartige Romantik. Etwas Ähnliches habe ich nur noch einmal gesehen, nämlich in Monreal, in der Eifel. In Wissembourg wurde ich den Eindruck nicht los, dass jede Straße mindestens eine Brücke über die Lauter schlägt. Man geht einmal um die Ecke und schon steht man wieder vor der Lauter. Der Motive gibt es viele. Und da die Lauter omnipotent zu sein scheint, hat man auch eine Masse Motive mit der Lauter und durch die Lauter.Ebenso ist es mit der Kathedrale Saint Pierre et Saint Paul. Sie ist mit Abstand das größte Gebäude in der ganzen Stadt. Ein echter Mittelpunkt. Sie ist von den verschiedensten Standpunkten in der Stadt zu sehen und Schilder weisen auf besonders gute Fotostandpunkte hin, sogar solche, die die Lauter und die Kathedrale Saint Pierre et Saint Paul zusammenbringen.Wie die Motive der Mainzer Fotoclubber letzen Endes ausfallen, ist selbstverständlich vollkommen individuell. Wir werden mit Sicherheit (wenn der Projektor will) anschauen, was die achtzehn Teil-nehmenden „gesehen" und produziert haben. Bei den drei besten DIAs pro Person sind das nur 54 Exemplare, also knapp etwas mehr, als ein DIA-Magazin. Für die Homepage des Fotoclub Mainz bleiben dann nur noch höchstens 18 Exemplare. Das mal so zwischendrin.

Motive liegen manchmal auch im Detail. Insofern kann sich die Fotografin/der Fotograf nicht nur verzetteln, sondern sogar komplett verlieren. Man muss wirklich ab und zu auf die Uhr schauen, dass man nicht die Zeit vergisst. Speziell in Wissembourg ist das unbedingt erforderlich, weil der „Elsass-Express" nach Mittag nur einmal zurück- fährt. 16:33 Uhr der einzige und der letzte Zug. Sonst gibt es nur noch andere Verkehrsmittel, die aus dem Elsass herausführen und das wird eventuell schwierig!Noch ein paar Worte zu den Motiven. Wissembourg bietet nicht nur in der Innenstadt Motive en gros und en Detail, sondern auch an der Peripherie, wie z.B. der große jüdische Friedhof von Wissembourg. Bis dahin hat mich meine Fotopirsch nicht geführt. Ich hebe es mir auf für die nächste Fahrt nach Wissembourg. Wenn ich den Chef (Reinhold) richtig verstanden habe, ist er stark am jüdischen Friedhof interessiert gewesen. Also erwarten wir entsprechende Fotos von ihm. Mir hat gereicht, die Innenstadt unsicher zu machen und mir dort die „vielen" Lauters anzusehen und die nicht vorhandenen Forellen zu suchen. Man kann die Innenstadt in verhältnismäßig kurzer Zeit umrunden. Aber es steckt viel darin.Bevor es zur großen Fotosafari kam, wir hatten gerade die Kathedrale Saint Pierre et Saint Paul mit ihrem unvollendeten Kreuzgang kennen gelernt, hat uns alle ein Regenguss und der plötzlich ein-setzende Hunger überrascht. Der Vorschlag, deshalb ein Lokal aufzusuchen und ein Mittagessen einzunehmen wurde allgemein sehr begrüßt, sodass der gesamte Fotoclub im „Kleinen Venedig" von Wissembourg einfiel und dort einen ganzen Haufen Elsässer Flammkuchen verzehrte. Der dazu kredenzte Wein hat gut geschmeckt, mir aber nachher heftige Kopfschmerzen bereitet, bis ein Cappuccino eines Cafés dem ein Ende bereitete.

Es macht sehr viel Spaß, in Wissembourg nicht nur die Augen auf der Suche nach den schönen Dingen, sondern auch die Ohren etwas offen zu halten, weil die Sprache, die die Wissembourger sprechen doch recht interessant anzuhören ist. Da wird die Frau mit Madame und der Mann mit Monsieur angesprochen. Das ist schon das Erste, was auffällt. Man hört natürlich alles auf französisch. (Was ich leider nicht verstehe.) Noch interessanter wird es aber, wenn elsässisch gesprochen wird. Die Wirtin im kleinen Venedig „la petit Venise", zum Beispiel, hat weit von sich gewiesen, dass es pfälzisch wäre, was sie spricht, (verständlich, war es ja auch nicht!) obwohl es sich für unsere Ohren so angehört hat. Angenehm ist, dass alle einheimischen Personen, mit denen ich zu tun hatte, mich in deutsch verstanden und mich auch in deutsch informierten.Das kleine Städtchen ist gut mit altem Fachwerk versorgt. Wer von Fachwerk begeistert ist, ist es auch von Wissembourg. - Die Franzosen spielen bekanntermaßen gerne Boule. So hat Wissembourg seinen Bouleclub und den dazu gehörenden Platz, der aber am „Weißen Sonntag" vollkommen verlassen oder „verwe(a)ist" war. Logisch. – Gut dass Boulekugeln schwer sind, denn leichte Hand- oder Fußbälle würden garantiert gleich in der Lauter landen, die just am Platz vorbei läuft. – eben: om-nipotent, die Lauter –

Zwar haben wir gegessen und getrunken – über die Gastronomie im Allgemeinen oder Speziellen kann man trotzdem nach dem ersten Mal kaum etwas Verbindliches sagen. Beim nächsten Besuch von Wissembourg werde ich andere Lokale aufsuchen und ausprobieren. An manchen Stellen der Stadt hat man gemerkt, dass das Publikum anders ist. Ob Zufall, oder nicht? Eine „Disco" habe ich nicht ausmachen können. Die sind vielleicht auf das freie Feld „ausgelagert". Nun, das ist nebensächlich, wir gehen wegen des Fotografierens und der Motive auf die Pirsch.Es wundert mich, dass trotz vieler Motive meine beiden Filme nicht ganz verbraucht wurden. So ist es passiert, dass der zweite Film nur bis Nummer 19 transportiert wurde. Woran lag’s? War ich zu sparsam? War der Cappuccino und der Kuchen zu gut? Hat der Wein zu starke Kopfschmerzen bereitet? Wer kann es wissen?

 

Um 16:33 Uhr hat uns der „Elsass-Express" wieder nach Mainz gebracht, nachdem uns ein Aprilschauer aus der Stadt hinausgesprüht hat. Es war ein recht heftiger Schauer, den so manch einer nur nass überstanden hat. Die gemütliche Heimreise – man braucht sich um nichts zu kümmern, kein Umsteigen, keine Staus, keine Hindernisse! – stand ganz im Zeichen der Fotografie. In unserer Runde wurde während der ganzen Fahrt gefachsimpelt! Das war satt! So muss es sein!

Mainz, am 2. Mai 2003

ã Norbert Wagner

Zitate

Nach meiner Ansicht kann man nicht behaupten etwas gesehen zu haben, bevor man es fotografiert hat.
Zola, Emile

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